Die Katze als Lehrmeister

Vor langer Zeit hauste in einem Gebirge ein Tiger, der zwar sehr stark war, aber von Geburt an etwas plumpe Füße hatte. So kam er nur sehr schwerfällig voran und konnte nur wenig Beute machen. An einem schönen Sonnentag, an dem alle Tiere schon längst aufgestanden und auf die Jagd gegangen waren, kam der Tiger aus der Höhle gekrochen. Wie er so mit seinen plumpen Füßen daherstapfte, sah er ein Kätzchen sehr gewandt über die Berge klettern. Der Tiger erblasste vor Neid. "Mit solchen Kletterkünsten", so sagte er bei sich, "Könnte man jeden Tag fette Beute machen! Und wie schnell dieses Kätzchen ist! Da entkämen mir nicht mehr viele Tiere. Ich würde alle auffressen, die mir jetzt mühelos davongelaufen sind!". Die Katze war inzwischen etwas näher gekommen und betrachtete aus einiger Entfernung die schwerfälligen Bewegungen des Tigers. Dieser verbeugte sich tief und sagte: "Meister Katze, ihr lauft so behände und schnell die Berge hinauf und hinunter. Könnte ich nicht bei Euch in die Lehre gehen? Ich möchte diese Künste gerne erlernen." Das Kätzchen hatte schon gehört, dass der Tiger ein böses Herz hatte und sagte kopfschüttelnd: "Mein lieber Tiger, wenn du alles von mir gelernt hast, das Klettern und das Jagen, was wirst du dann wohl tun? Ich weiß nicht, ob du ein dankbarer Schüler sein wirst!". Das Kätzchen überlegte sich, dass es sein Leben kosten könnte, wenn es alle seine Fähigkeiten und Kunstgriffe dem Tiger beibrächte. Der Tiger aber verlegte sich aufs Bitten und ließ nicht locker: "Meister Katze, ich werde Euch als meinen verehrten Lehrer dann stehts beschützen. Wehe dem, der dann wagen sollte, Euch anzugreifen oder auch nur zu beleiden. Mein ganzes Leben werde ich Euch dann verbunden sein und Euch meinen Dank bezeigen. Ich bitte Euch inständig, lehrt mich die Kletterkünste und den Schnellauf!"
Diese Schmeichelei zerstreute die Bedenken des Kätzchens doch weitgehend. Der Tiger erschien dem Kätzchen nun doch mehr ungeschckt als böse, und so sprach es zu ihm: "Wenn du mir schwören willst, später niemals Gutes mit Bösem zu entgelten und meine Künste nicht gegen micht selbst zu verwenden, dann kannst du in meine Lehre eintreten." Der Tiger verbeugte sich tief, wedelte dabei mit dem Schwanz und sagte mit ergebungsvoller Stimme: "Nie werde ich Eure Wohltat vergessen. Lehet mich, die Berge zu erklettern und Beute zu machen. SOllte ich jemals, verehrter Lehrer, etwas Böses gegen Euch im Schilde führen, dann soll im gleichen Augenblick der Blitz mich treffen, oder ich soll in eine tiefe Schlucht stürtzen und mein Leib in tausend Stücke zerissen werden!" Dieser Schwur beruhigte die Katze, und sie nahm den Tiger als Lehrling an. Die Lehre für den Tiger war zwar hart, aber vortrefflich. Der Lehrmeister scheute keine Mühe, seinem Lehrling alles beizubringen, was zu einer erfolgreichen Jagd in den Bergen gehört. Kaum war die Sonne hinter den Bergen aufgegangen, waren die beiden schon im Gelände, und sie übten noch in der Dunkelheit, wenn die Vögel längst schlafen gegangen waren. Der Lehrmeister hatte nach einiger Zeit seinem Schüler alle Geschicklichkeiten bis auf eine einzige gezeigt und wollte die Lehre bald für beendet erklären. Der Tiger war gut vorangekommen und war zu einem geschickten Jäger gewordne. Eines Tages aber warf der Tiger doch ein gieriges Auge auf das Kätzchen. "Es wäre doch ein feiner Braten", sagte er zu sich selbst, und der Speichel lief ihm im Maul zusammen. Das Kätzchen hatte aber seinen Schüler allmählich auch sehr gut kenne gelernt und las ihm die bösen Gedanken von den Augen ab. Zum Tiger gewandt, sagte das Kätzchen daraufhin mit feierlicher Stimme: "Mein lieber Schüler, du warst sehr folgsam und gelehrig. Alles was ich selbst kann, habe ich dir beigebracht. Unsere Wege trennen sich jetzt wieder. Denke daran, was du einstens geschworen hast!"
Der Tiger war schon ganz von seinen böse Gedanken ergriffen und fragte scheinheilig mit freundlicher unterwürfiger Stimme: "Meister Katze, habt Ihr mir auch alle Griffe und Kunststücke beigebracht?" "Alles habe ich dir gezeigt", sprach das Kätzchen, das in den Augen des Tigers die böse Gier blitzen sah. Der Tiger wollte nun eine List anwenden und sagte mit zusammengekniffenen Augen: "Meister Katze, seht mal, was klettert denn da über uns auf dem Baume?"
In dem Augenblick, in dem das Kätzchen den Kopf hob, setzte der Tiger zum Sprung an und stürzte sich mit ausgestreckten Krallen auf das Kätzchen. Da aber hatte der Tiger sich verrechnet. Gerade, als er glaubte, den Braten schon in den Pfoten zu halten, fuhr wie der Sausewind etwas den Baum hoch. Der Tiger sah nach oben. Auf dem höchsten Aste saß zornbebend das Kätzchen. "Du elender Verräter", rief es von oben herunter, "du undankbarer Geselle! SOviel gelten dir Schwur und Versprechen! Zum Glück war ich noch schlauer als du und habe dir nicht gezeigt, wie man auf Bäume klettert. Wäre ich so dumm auch noch gewesen, hättest du mich gar zerrissen und aufgefressen, du Schurke, Pfui!"
Der Tiger war wütend und umkreiste knurrend den Baum. Er versuchte, auf den ersten Ast zu springen, aber er kam nicht so hoch hinauf. Er biss mit den Zähnen in die Rinde, aber alles war vergebens. Das Kätzchen sah die hilflosen Versuche des Wüterichs von oben herunter mit Gelassenheit an und strich sich ruhig den Schnurrbart. Dann sprang es von einem Baum zum anderen und versetzte den Tiger dadurch in noch größere Wut. Er war hilflos, seine bösen Absichten halfen ihm nichts; es fehlte ihm die Fähigkeit, auf Bäume zu klettern. Das Kätchen verschwand schließlich ganz aus seinen Blicken im dichten Laub der Baumkronen und der Tiger musste sich knurrend in seine Höhle zurückziehen.

Märchen der Han

Jin Yan

Quelle: Josef Guter (Hrsg.) Das Geschenk des Drachenkönigs - Märchen aus China

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